Lisa Brennauer blickt auf den Women’s Cycling Grand Prix Region Stuttgart 2026

Lisa Brennauer, Olympiasiegerin, mehrfache Weltmeisterin und eine der erfolgreichsten deutschen Radsportlerinnen ihrer Generation, bringt nach dem Ende ihrer aktiven Karriere ihre Erfahrung auch in die sportliche Arbeit des deutschen Radsports ein. So ist die zweifache Mutter heute als Berufssoldatin Bundestrainerin bei German Cycling (BDR) und beim Women’s Cycling Grand Prix Region Stuttgart als Head of Elite Teams im Einsatz. Aus dieser doppelten Perspektive – als ehemalige Weltklassefahrerin und heutige Trainerin –  nimmt sie Stars, Favoritinnen und mögliche Rennverläufe der 2026 Edition in den Fokus.

Beim Blick auf die Startliste des Women’s Cycling Grand Prix Region Stuttgart fällt mir vor allem eines auf: Es gibt in diesem Jahr nicht die eine Fahrerin, auf die sich alles konzentriert. Dafür stehen am Sonntag in Tamm zu viele Fahrerinnen am Start, die auf ganz unterschiedliche Weise ein solches Rennen gewinnen können. Und genau das macht es aus meiner Sicht besonders spannend.

Meine Einschätzung basiert auf der vorläufigen Startliste. Das endgültige Aufgebot der Teams steht erst am Vorabend des Rennens fest. Bis dahin kann es immer noch kurzfristige Änderungen geben. Wenn nicht gerade eine Fahrerin erkrankt, sich verletzt oder aus anderen Gründen kurzfristig ausfällt, können wir aber davon ausgehen, dass die hier genannten Fahrerinnen am Sonntag tatsächlich am Start stehen werden.

Natürlich beginnt die Liste der Favoritinnen mit Eleonora Gasparrini. Sie hat die vergangenen beiden Austragungen gewonnen und kommt mit UAE Team L’Imad erneut mit einer Mannschaft, die ihr viele taktische Möglichkeiten eröffnet. Mit Silvia Persico, Karlijn Swinkels und Dominika Włodarczyk stehen weitere Fahrerinnen im Aufgebot, die selbst Rennen prägen und entscheiden können. Und auch wenn der Kurs in jedem Jahr neu ist, weiß Gasparrini natürlich sehr genau, wie man dieses Rennen gewinnt. Gleichzeitig ist eine solche Serie auch eine Herausforderung: Wer zweimal hintereinander gewonnen hat, wird beim dritten Mal von allen beobachtet.

Nicht weniger stark besetzt ist für mich FDJ United–Suez. Das Team bringt mit Franziska Koch, Sofia Bertizzolo, Vittoria Guazzini, Amber Kraak, Marie Le Net und Ally Wollaston ein Aufgebot mit, das mehrere Varianten zulässt. Franziska Koch hat in dieser Saison unter anderem mit dem Sieg bei Paris Roubaix gezeigt, dass sie zur absoluten Weltspitze gehört. Sie ist eine Fahrerin, die Rennen sehr aktiv gestaltet und sich nicht davor scheut Verantwortung zu übernehmen. Solche Fahrerinnen sind bei einem Eintagesrennen immer gefährlich. Für mich zählt Franziska Koch auch in Tamm zu den Topfavoritinnen. Gemeinsam mit ihrer sehr endschnellen Teamkollegin Ally Wollaston sind beide für wirklich alle Rennsituationen bestens gerüstet.

Sehr interessant finde ich auch Lidl–Trek. Elisa Balsamo ist eine Fahrerin, die man als Gegnerin niemals in einer entscheidenden Gruppe mit ins Finale nehmen möchte. Wenn sie nach einem schweren Rennen noch dabei ist, kann sie im Sprint nahezu jede Konkurrentin schlagen. Dazu kommen mit Shirin van Anrooij, Loes Adegeest und Clara Copponi Fahrerinnen, die dem Team unterschiedliche taktische Optionen geben. Das kann auf einem Kurs, auf dem sich die Belastungen über viele kleinere Anstiege summieren, entscheidend sein.

Das Aufgebot von Canyon//SRAM ist stark und vielseitig. Cecilie Uttrup Ludwig bringt enorme Erfahrung mit und ist stark am Berg, Chiara Consonni verfügt über sehr viel Endschnelligkeit. Natürlich schauen wir besonders auf die deutsche Antonia Niedermaier. Mit ihrem vierten Gesamtrang bei der diesjährigen Tour de France Femmes avec Zwift und dem Gewinn des Weißen Trikots hat sie eindrucksvoll gezeigt, dass sie zur internationalen Spitze gehört. Ich traue ihr sehr viel zu. Um in Tamm zu gewinnen, müsste sie jedoch im Alleingang Richtung Ziel kommen.

Mit Liane Lippert steht bei Movistar eine weitere deutsche Topfahrerin am Start. Liane ist für mich gerade für ein solches Profil eine der interessantesten Fahrerinnen, weil sie ebenso unberechenbar wie das Rennen selbst ist. Sie ist vielseitig, kann ein Rennen sehr gut lesen und ist schnell, falls es zum Sprint aus einer Gruppe kommt. Wenn im Finale attackiert wird und das Feld bereits deutlich reduziert ist, würde es mich nicht überraschen, sie ganz vorne zu sehen.

Dann gibt es Namen, die vielleicht nicht bei jedem sofort ganz oben auf dem Favoritenzettel stehen, die ich aber keinesfalls unterschätzen würde. Christina Schweinberger und Yara Kastelijn bei Fenix–Premier Tech gehören für mich dazu. Beide können mit einem anspruchsvollen Rennverlauf umgehen. Und gerade bei einem Rennen wie diesem entscheidet am Ende eben auch, wer im richtigen Moment die richtige Gruppe erwischt.

Außerdem steht mit Linda Riedmann für Lotto Intermarche eine deutsche Fahrerin am Start, die bereits zweimal in Stuttgart auf dem Podium gestanden hat. Ihre Form stimmt und ich bin mir sicher, dass sie auch dieses Mal beim Women’s Cycling Grand Prix auf dem Treppchen stehen möchte, vielleicht reicht es dieses Mal ja bis ganz nach oben.

Ein Heimrennen setzt manchmal Kräfte frei, die sich vorher schwer kalkulieren lassen. Franziska Brauße startet mit REMBE | rad-net Women praktisch vor heimischem Publikum. Franziska kennt die Region, sie kennt solche Straßen und sie wird mit Sicherheit besonders motiviert sein. Das Publikum darf gespannt sein, welche Rolle sie spielen kann.

Der Reiz dieser Ausgabe liegt für mich darin, dass die starke Besetzung und der Streckenverlauf mit vielen Anstiegen und ständigen Chancen für Ausreißversuche den Verlauf und Ausgang des Rennens spannend und unvorhersehbar machen. Wir haben Fahrerinnen mit hoher Endschnelligkeit, starke Klassikerfahrerinnen, sehr gute Bergfahrerinnen und junge Athletinnen, die sich auf dieser Bühne zeigen wollen. Dazu kommen Teams, die nicht nur eine klare Kapitänin mitbringen, sondern mit mehreren Optionen ins Rennen gehen können.

Für uns als Veranstalter ist genau das die schönste Ausgangslage: Wenn am Sonntag gestartet wird, ist vieles möglich. Und wenn ein Rennen bis weit ins Finale hinein offenbleibt, dann ist das für Fahrerinnen und Zuschauer gleichermaßen die beste Voraussetzung für einen großen Radsporttag.